Ist Open Innovation nur eine Mode-Erscheinung, oder steckt mehr dahinter? Unternehmensberater Serhan Ili zu Chancen und Problemen einer neuen Innovationsstrategie.
Dr. Serhan Ili, Geschäftsführer der Unternehmensberatung ILI Consulting, ist Autor mehrerer Bücher zum Thema Innovation und Referent am Karlsruher Institut für Technologie.
Jahrelang hat das prima funktioniert: Unternehmen investieren in eigene Forschung und Entwicklung (F&E), entwickeln Innovationen und bringen sie dann als Erste auf ihren angestammten Markt. Sie setzen dadurch neue Kaufimpulse und steigern den Umsatz. Und damit ihnen keiner ihr wertvolles geistiges Eigentum stiehlt, schützen sie es gegen Einblicke von außen und sichern sich ihr Recht daran durch Patente.
Diese Strategie klingt logisch, und doch weichen immer mehr Unternehmen von diesem traditionellen Pfad ab. Die Konkurrenz hat sich verschärft, und die Unternehmen können ihre neuen Produkte schwerer am Markt refinanzieren. Das wiederum bedeutet einerseits weniger Geld für Forschung, andererseits einen höheren Innovationsdruck. Grund genug, die herkömmliche Vorgehensweise innerhalb der F&E zu überdenken.
Open Innovation heißt die Zauberformel des Innovationsmanagements, mit der viele Unternehmen einen Weg aus der Zwickmühle suchen – eine Strategie, bei der Betriebe gezielt externes Wissen für sich nutzen und umgekehrt eigene Innovationen auch in anderen Branchen verwerten, beispielsweise durch Lizenzierung. Die feinmechanischen Fertigkeiten eines Uhrenherstellers etwa können auch in der Medizintechnik nützlich sein. Oder geräuschlose Lüfter für Medizingeräte sorgen auch in Fahrzeugen für Wohlbefinden bei den Reisenden.
Doch welche Chancen bieten sich konkret für Unternehmen durch die Umsetzung von Open Innovation? Der offenkundigste Nutzen ist sicherlich die Erweiterung des eigenen Ideenfundus, wenn externe Innovationsquellen in die eigene Produktion einfließen. Davon versprechen sich die Unternehmen gleich eine ganze Reihe von Vorteilen. Zum Beispiel kommt das Produkt eher auf den Markt, da es oft schneller geht, eine bereits funktionierende Technologie in den Produktionsablauf zu integrieren, statt eine eigene zu generieren. Außerdem können Kooperationen die Entwicklungskosten senken, und die Chance steigt, dass eine Innovation zu einem marktfähigen Produkt führt.
Die Kombination interner und externer Kompetenzen birgt aber noch eine ganz andere Möglichkeit der Umsatzsteigerung: die Eröffnung völlig neuer Geschäftsfelder. In vielen Unternehmen nutzte das Innovationsmanagement lange Zeit nur das direkte Umfeld – also Kunden, Wettbewerber, Zulieferer. Dadurch entstanden, wenn auch unfreiwillig, relativ oft Nachahmerprodukte – eben weil sich die Konkurrenz des gleichen oder ähnlichen Pools bedient.
Werden hingegen Technologien aus anderen Bereichen für die Entwicklung von Innovationen eingesetzt, führt das zuweilen zu völlig neuartigen Produkten, an die vielleicht sogar zu Beginn niemand gedacht hat und die sich deutlich von denen des Wettbewerbs abheben. Siemens etwa öffnet seine Labortüren für Universitäten und Forschungseinrichtungen ebenso wie für Industriepartner und geht jedes Jahr etwa 1000 Forschungskooperationen ein. So entwickelte der Elektrokonzern zusammen mit dem Automobilhersteller BMW eine Möglichkeit, Elektroautos kabellos per Induktion zu laden, und zusammen mit Microsoft ein System, mit dem Chirurgen während einer Operation ihre Geräte berührungslos über Gestik steuern können.
Als Beispiel für eine Kooperation zwischen Großkonzern und Kleinunternehmen gilt der iDrive – ein von BMW mit dem Spielkonsolen-Hersteller Immersion entwickeltes Bedienkonzept, mit dem der Fahrer Komfortfunktionen seines Wagens über einen Drehknopf steuern kann.
Der Technologietransfer bringt auch ganz neue Absatzmöglichkeiten, wenn eigene Ideen und Technologien – insbesondere die bislang ungenutzten – in anderen Branchen verwertet werden können. So hat etwa der Automobilzulieferer Behr in Stuttgart durch Lizenzierung seines chromfreien Beschichtungsverfahrens BehrOxal für Klimageräte einen zusätzlichen Umsatz in der Sanitärindustrie verbuchen können. Es lassen sich also weitere Umsätze generieren, die wiederum in die eigene F&E fließen können.
Auch innerhalb der eigenen Branche rechnet sich Open Innovation oft: Überlässt ein Unternehmen Wettbewerbern sein technologisches Wissen und setzt damit einen Standard, nimmt es den Konkurrenten den Anreiz, selbst eine – womöglich noch bessere – Technologie zu erarbeiten. So hat etwa das Cambridger Unternehmen ARM mit der Lizenzierung von Konstruktionsplänen für Mikroprozessoren den Smartphone-Markt fest im Griff. Zu seinen Kunden zählt Apple ebenso wie IBM. Für beide ist es günstiger, die ARM-Blaupausen einzukaufen, als selbst Prozessoren zu entwickeln.
Insgesamt bietet Open Innovation also zahlreiche Vorteile und Chancen für Unternehmen, um dem vorherrschenden Kosten- und Innovationsdruck zu begegnen. Doch stehen sie bei deren Umsetzung vor großen Herausforderungen. So kommt es häufig zu Patentstreitigkeiten, weil zwischen den beteiligten Akteuren unklar ist, wie das geistige Eigentum bei der Verwertung aufgeteilt werden soll. Bei Projekten mit vielen exzellenten Ideen von externen Partnern, die sich untereinander erst neu kennenlernen, fehlt oft das gegenseitige Vertrauen.
Insbesondere kleine und mittelständische Unternehmen haben große Vorbehalte, dass ihr geistiges Eigentum von einem großen Industrieunternehmen einfach abgesaugt wird, ohne dass sie dafür eine gleichwertige Gegenleistung erhalten. Eine entscheidende Voraussetzung für die erfolgreiche Integration externer Ideen und Technologien ist, dass Management und Entwickler die neuen Informationen bewerten können – was eigene Expertise voraussetzt. Die Suche nach externen Lösungen kann somit kein Ersatz für eine unternehmenseigene F&E sein, sondern nur eine sinnvolle Ergänzung. Externe Quellen bedeuten zudem einen höheren Aufwand an Betreuung und Koordination – insbesondere kleinere Firmen sollten sich dabei nicht übernehmen. Haben die Verantwortlichen nicht genügend Zeit, um die einzelnen Ideen zu prüfen und zu interpretieren, können die nicht sinnvoll umgesetzt werden.
Außerdem gilt es, die Abneigung von Mitarbeitern gegenüber fremden Technologien abzubauen. Experten aus anderen Branchen sprechen oft eine andere Sprache und haben andere Problemlösungsmethoden. Aus all diesen Gründen fehlen zahlreichen Unternehmen bislang noch die notwendigen Voraussetzungen, externe Expertise sinnvoll einzubinden.
Innovationen gehören nicht nur zu den wichtigsten unternehmerischen, sondern auch zu den wichtigsten volkswirtschaftlichen Erfolgsfaktoren. Aber es gibt keinen allgemeingültigen Algorithmus, damit eine Idee auch wirklich zur Innovation wird. Für ein Unternehmen mit einer guten Innovationskultur ist es heute selbstverständlich, sich gegenüber externen Partnern zu öffnen. Aber Open Innovation kann immer nur ein Baustein von vielen innerhalb eines guten Innovationsmanagements sein.
(Quelle: Zeitschriften-Ausgabe 08/2011 von Technology Review)
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